Jahreslosung 2021:

»Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!«
Lukas 6, 36

 

Ein alter Kalauer erzählt, wie ein Mann aus dem Gottesdienst kommt und zu Hause gefragt wird, worüber der Pastor denn gepredigt habe. »Über die Barmherzigkeit.« Rückfrage: »Und, was hat er gesagt?« Antwort: »Er war dafür.« So kommt ein zentrales christliches Motiv als harmlose Selbstverständlichkeit daher. Na klar hilft man Menschen in Not, zeigt Mitgefühl und achtet diejenigen, die helfen.

Ist das - noch - so? Gehört die Barmherzigkeit so sehr zu unseren Fundamenten, dass darüber zu reden nur banal sein kann?

In den letzten Jahren hat sich bei uns mit dem Sagbaren auch der moralische Kompass verschoben. Menschen, die im Grunde ihres Herzens kaum Mitgefühl haben, hat es immer gegeben, auch Menschen, die nur sich sehen und keine Verantwortung über den eigenen Horizont hinaus. Aber es gab Zeiten, da hätte man sich geschämt, das auch zu sagen. Das ist nun anders – spätestens mit dem Aufkommen des Rechtspopulismus. Offene Feindseligkeit gegen Schwache und Fremde ist sagbar geworden. Und: Auf die Toten komme es doch nicht so an, um ihretwegen in der Pandemie eigene Gewohnheiten zu ändern.

Wer in diesem Kontrast von der Barmherzigkeit Gottes spricht, wird von einem harmlosen Redner wieder zu einem mutigen Streiter.

Während in den Krankenhäusern am Limit der Kräfte um jedes Leben gekämpft wird, interessiert einige Demonstranten nur das eigene Ego. Sie machen sich selbst zum Maß aller Dinge und ignorieren alles andere. Die Anzahl der Pandemietoten in den USA wird bald die Anzahl der Toten der USA im 2. Weltkrieg überstiegen haben. »Alles nur eine Grippe.« Der Einzelne scheint nicht zu zählen.

Auch sonst werden Rettungssanitäter offen angegriffen, Polizisten und Journalisten bedroht und beleidigt. Und immer wieder werden Andersdenkende in Sträflingskleidung gezeigt, denn Andersdenkende gehören eingesperrt, sobald das wieder möglich ist. Das ist gottlos und faschistisch. Wer mitmarschiert, gehört dazu.

Die gesellschaftliche Renaissance des rechten Hasses macht die Jahreslosung 2021 zu einem Politikum. Jesu Aufruf zur Barmherzigkeit ist keine harmlose Sonntagsrede, sondern Gottes liebevolle Kampfansage gegen den rechten Hass.

Ich konnte mir lange nicht vorstellen, dass so einfache Begriffe wie der der Barmherzigkeit unter uns Menschen noch einmal so sehr polarisieren würden. Wenn es denn so ist, dann wissen wir, wessen Wort uns gilt und wessen Wort uns im Leben und im Sterben wirklich trägt: »Seid barmherzig, wie auch euer  Vater barmherzig ist!«

In herzlicher Verbundenheit
Ihr Christian Voller-Morgenstern (Pastor)