Andacht zum Sonntag "Judika"

Judika – 5. Sonntag der Passionszeit – 29. März 2020

Wochenspruch

„Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.“ (Matthäus 20,28)

Gebet

Herr, Gott, du grenzenlose Liebe. Wir danken dir für dein Da sein. In allem was uns bedrückt, bist Du da und trägst mit, du Quelle der Liebe.

Herr, in dieser Zeit bitten wir für die Infizierten, die Kranken, die Sterbenden.

Wir denken an die, die uns nahestehen.

Wir denken an die Betroffenen in Italien, in Spanien, in aller Welt. Du bist da.

Deine grenzenlose Liebe, Gott, für die, die kein schützendes Obdach haben, für die, die zwischen den Grenzzäunen gefangen sind, für die, die zwischen Trümmern ausharren.

Wir denken an die Flüchtlinge auf Lesbos, an die in Transiträumen Gestrandeten, an die Menschen in Syrien. Du bist da.

Herr, deine grenzenlose Liebe für alle, die pflegen, für alle, die sich in Gefahr begeben, für alle, die forschen und sich nicht schonen.

Wir denken an alle, die in den Krankenhäusern für die Kranken da sind.

Wir denken an alle, die uns mit Lebensmitteln und allem, was wir brauchen, versorgen.

Wir denken an die politisch Verantwortlichen.

Wir denken an die Wissenschaftlerinnen und Forscher in den Laboren. Du bist da.

Herr, deine grenzenlos Liebe, wir brauchen sie, alle, die eingeschlossen sind und in Quarantäne ausharren brauchen sie, die Alleingelassenen brauchen sie, die Verzweifelten brauchen sie.

Herr, deine grenzenlose Liebe hält uns, sie trägt uns, denn Du bist da.

Bleib bei uns und deiner Gemeinde – heute und jeden neuen Tag.

Amen.

Andacht zu Hebräer 5,7-9

Liebe Lesende,

mit Autoritäten tue ich mich schwer. Vielleicht liegt das an meiner DDR-Herkunft. Es kam immer wieder vor, dass ich mich auf Dinge einschwören sollte, an die weder ich noch die anderen glaubten. Da sollte ich ein guter und vorbildlicher Pionier oder FDJ‘ler sein – wollte ich aber nicht. Da sollte ich schwören, den sozialistischen Staat zu verteidigen, dabei wollte ich gar nicht dort leben. Im Betrieb sagten die älteren Kollegen: „Ihr Jungen müsst fleißig arbeiten“, und setzten sich hin und spielten Skat.

Gleichwohl weiß ich, dass Autorität und Leitung wichtig sind, damit unsere Gesellschaft – unser Zusammenleben – funktioniert. Gerade heute, da uns das Corona-Virus zwingt, Gesellschaft zu meiden, ist es wichtig, dass diejenigen, die Verantwortung für die Gesellschaft tragen wollen, diese auch verantwortungsvoll übernehmen. Ich habe großes Vertrauen in unsere demokratischen Volksvertreter. Autorität durch Vertrauen.

Auch bei Kindern ist es wichtig, dass sie erfahren, dass ihre Eltern keine guten Kumpels oder Freunde sind, sondern dass deren Autorität verbindlich und tragfähig ist. Autorität aus Liebe, die Gehorsam einfordert.

Das Wort „Gehorsam“ klingt bei mir nach, wenn ich den Text für den heutigen 5. Sonntag der Passionszeit bedenke.

Text:

„Als Jesus noch auf der Erde lebte, hat er sich im Gebet mit Bitten und Flehen an Gott gewandt, der ihn vom Tod retten konnte; mit lautem Rufen und unter Tränen hat er seine Not vor ihn gebracht. Weil er treu zu Gott hielt, ist er schließlich auch erhört worden. Und doch: Obwohl er Gottes Sohn war, hat er zunächst durch das, was er durchmachen musste, Gehorsam gelernt. Nachdem er nun das Ziel erreicht hat, ist er für alle, die ihm gehorchen, zum Begründer ihrer endgültigen Rettung geworden.“

Das Wort „Gehorsam“ kommt von gehorchen, hinhorchen, zuhören. Hören auf jemanden, der mit mir spricht. Es ruft aber auch Widerstand hervor. Gehorsam heißt meistens, dass mir jemand sagt, was ich zu tun habe; und ich tue es ohne Nachfragen, ohne Nachdenken, oder jedenfalls ohne mich dazu zu äußern.

Ich tue es, weil es von mir verlangt wird. Ich tue es, weil ich Angst habe, es nicht zu tun. Weil mir diese Angst eingeimpft wurde. Und Angst hat Macht. Vielleicht kennt Ihr solche Sätze aus der Kindheit: „Wir wollen doch nur dein Bestes“, oder: „Wer nicht hören will, muss fühlen“. Für mich ist diese Art von Gehorsam nur schwer zu ertragen. Gehorsam aus Angst.

Auch Gott wird instrumentalisiert, wenn er vorgeschoben wird, damit Menschen gehorchen. So haben Menschen im Leiden hören müssen, dass ihre Krankheit, ihr Schicksal oder die unerträglichen Lebensumstände eine Prüfung Gottes sei, die sie gehorsam aushalten müssten als Zeichen festen Glaubens.

Oder sie glauben selbst, dass der Weg in den Himmel eben nur durchs Leid geht. Gott als ein Gott, der Leid schickt und dann von uns erwartet, dass wir es gehorsam, still leidend aushalten.

Gehorsam, Leid und Schmerz – die Worte scheinen austauschbar zu sein. Was soll da der Glaube? Was hat das mit Jesus Christus zu tun? Wo ist der Trost? Welche Ermahnung hilft auf einen heilsamen Weg durch das Leben?

Unser Text berichtet hingegen von dem anderen Gehorsam. Dem Gehorsam der Liebe. Es geht um das Hören auf das, was richtig ist.

Jesus, der Sohn Gottes, ein Mensch wie wir, leidet, er weint und schreit wie ein Mensch es tut, wenn ihm Leid widerfährt. Gott lässt zu, dass er ins Leid hinein muss. Und wie ein Kind birgt Jesus sich weinend und laut flehend bei seinem Vater.

„Er hat an dem, was er litt, Gehorsam gelernt“, steht in dem Brief. Und damit ist nicht der blinde, stille Gehorsam gemeint, sondern ein Ringen mit sich selbst und dem Gegenüber. Ein gegenseitiges Hören und Zuhören.

Gehorsam bedeutet, ein gegenseitiges Vertrauen zu lernen. Gott vertraut Jesus den Weg zum ewigen Heil an, und Jesus vertraut dem Vater, dass es gut ausgehen wird – durch das Leid hindurch. Jesus ringt damit, laut schreiend, weinend, flehend, dass Gott das Leid der Menschen nicht will und genau deswegen seinem Sohn dieses Leid zumutet. Das klingt irrwitzig. Doch wenn es heißt, dass Jesus erhört wurde, dann wird deutlich, dass Gehorsam wirklich ein gegenseitiges Hören ist.

Es geht darum, Gott zu vertrauen und Gott zu gehorchen – diesem Gott, der so weit weg scheint, allmächtig im Himmel ist und uns so oft so fern ist. Das ist schwer. Gehorsam sein, das fällt einem nicht immer in den Schoß. Aber es geht. Jesus zeigt uns wie.

Und nun wir. Wir vertrauen Jesus und gehorchen ihm, der das Leid kennt, der weiß, was heulen und flehen, was bitten und betteln ist. Wir vertrauen Jesus, der selbst erlebt hat, wie groß und schier unerträglich Schmerz ist.

Ihm gehorchen und auf ihn hören, und glauben, dass er auch uns hört, das nennt der Briefschreiber „Gehorsam“.

Ich muss nichts tun, was ich nicht will. Ich muss nicht still und widerstrebend Befehle ausführen, ich muss mich keiner Macht beugen, die nur ihren Vorteil will. Ich darf ungehorsam sein für mich und für andere. Manchmal muss ich sogar ungehorsam sein um der Menschen willen.

Doch ich darf schreien, klagen, weinen und flehen. Ich darf mich wie ein Kind in Gottes Armen bergen und dort Gott finden, der mir Wohl und Heil will, der Leben will, gutes, erfülltes glückliches Leben.

Ich darf gehorsam sein, wenn ich nicht mehr weiter weiss. Darf auf Gott hören, der ein Gott ist, der mich hört und erhört und auch ringt – um uns und um unser Vertrauen. Daran gilt es sich festzuhalten, auch wenn es auf den ersten Blick anders scheint. Und das ist Arbeit. Das gilt es immer wieder neu zu lernen. So wie Jesus es lernen musste.

AMEN.

Sven Tiesler, Pastor